Bis ans Ende der Welt

(Deutschland 1991) Regie: Wim Wenders, Drehbuch: Michael Almereyda, Peter Carey, Solveig Dommartin, Wim Wenders, Kamera: Robby Müller, Schnitt: Peter Przygodda., Musik von U2, Talking Heads, Lou Reed, T-Bone Burnett ("Walk the Line"), Peter Gabriel, Can, Pattie Smith, R.E.M., Nick Cave and the Bad Seeds uva. Darsteller: Solveig Dommartin, Pietro Falcone, Enzo Turrin, Chick Ortega, Eddy Mitchell, William Hurt, Adelle Lutz, Ernie Dingo, Jean-Charles Dumay, Sam Neill, Ernest Berk, Christine Osterlein, Rüdiger Vogler, Diogo Dória, Fred Walsh, Jeanne Moreau, Max von Sydow, Paul Livingston, David Byrne, Tom Waits.

Ein seltenes Ereignis ist die Präsentation des Directors Cut von "Bis ans Ende der Welt" (BRD 1991, 279 Minuten) von Wim Wenders. Der Film wurde 1991 gedreht und spielt 1999. Die Süddeutsche Zeitung schrieb "Bis ans Ende der Welt" ist ein Meilenstein in der Geschichte des europäischen Kinos. Trauriger Anlass der Wiederaufführung ist der frühe Tod der Hauptdarstellerin Solveig Dommartin (der Engel in "Himmel über Berlin"). Sie starb Anfang des Jahres mit 45 Jahren in Paris und ist in Bulgnéville (Vogesen) beerdigt.

Solveig Dommartin, die mit Wim Wenders zusammen das Drehbuch schrieb, spielt die junge Französin Claire Tourneur. Sie verliebt sich in den Fremden Trevor McPhee, der in mysteriöser Mission rund um die Welt reist. Mit Hilfe des Detektivs Philip Winter verfolgt sie Trevors Spur von Venedig nach Südfrankreich, von Berlin nach Lissabon, nach Moskau und mit der transsibirische Eisenbahn nach Peking, dann nach Tokio und San Francisco und zum Show-down nach Australien, bis ans Ende der Welt also.

Wer das Privileg hatte, im Laufe der letzten zehn Jahre einer Vorführung des gut fünfstündigen (!) „Director’s Cut“ von Wim Wenders’ „Bis ans Ende der Welt“ beizuwohnen, machte eine ebenso exklusive wie sakrale Erfahrung. Exklusiv, weil sich die weltweiten Kopien dieses Schnittes an einer Hand abzählen ließen. Sakral war das Erlebnis der in drei Segmente geteilten Schnittversion, weil im Laufe des Filmes tatsächlich profunde Erkenntnisse im Zuschauer erwuchsen. Zum Beispiel diese: Ein Fünfstundenfilm kann unendlich unterhaltsamer und kurzweiliger sein als derselbe Film auf drei Stunden gekürzt. Wenders hat die bisherige Kinofassung immer spöttisch als die „Reader’s Digest“-Version bezeichnet, und wenn man den „Director’s Cut“ gesehen hat, kann man sich dem nur anschließen – erstaunlich, wie wenig dieser flüssige, stimmungsvolle Film mit dem kruden, hektischen Gewimmel der bisher bekannten Version gemein hat. Schließlich ist eine weitere, ebenfalls durchaus überraschende Erkenntnis, die sich beim Anschauen dieses Films einschleicht, diese: „Bis ans Ende der Welt“ muß tatsächlich als Wenders’ Hauptwerk gesehen werden. All seine oft eigenwilligen Vorlieben und ästhetischen Merkmale finden sich hier in einem riesigen Fresko vereint und stehen zur Untersuchung bereit. Wenders’ manchmal pathosüberladene Visionen sind geschmacklich nicht unumstritten, aber es kann nicht bezweifelt werden, dass wir hier einen Meister auf der Höhe seiner Kunst erleben dürfen.

Im Prinzip ist „Bis ans Ende der Welt“ Wenders’ privates „Kill Bill“-Projekt. Doch wo Tarantino sein Stil-Patchwork mit Elementen aus Western, Kung-Fu-Film, Exploitationkino und japanischem Gangster-Streifen auffüllt, stellt Wenders eben seine eigenen Vorlieben aus: Da gibt es mal eine halbe Stunde lang französisches Liebesdrama, dann 10 Minuten japanische Tanz-Slapstick (komplett mit Laurel & Hardy-Choreographien, entsprechender Musik und Verfolgungsjagden), dann wieder religiös ernsten Katastrophenfilm, Road-Movie, Noir-Spionagekrimi, dann Wildnis-Abenteuer, dann klassisch-deutschen Autorenfilm (Figuren zitieren Heine), dann läuft immer wieder dieser Sam-Spade-Verschnitt durchs Bild, der nur in Reimen spricht, nebenbei stellt man schnell die eine oder andere Vermeer-Malerei auf der Leinwand nach und kleidet das Ganze schließlich in einen schrillen Pseudo-Futurismus (der Film wurde 1991 gedreht und spielt 1999), der sich inzwischen zu gleichen Teilen als erschreckend falsch herausgestellt hat (vor allem die Hutmode, traditionellerweise die übelste Fußfalle beim Drehen eines SciFi-Films) und als erschreckend prophetisch gesehen werden muß (Navigationssysteme, weltweite Datenvernetzung, Chipkarten, elektronische Mautsysteme und digitale Handkameras).

...Klingt chaotisch? Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Film machte auf 180 Minuten keinen Sinn und macht es nun auf 280 Minuten nicht viel mehr – aber er fühlt sich mit einem Mal um so viel entspannter, selbstsicherer und schöner an, weil Wenders endlich Zeit hat, die Orte und ihre Charaktere auszukosten, Spiele zu treiben, in Stimmungen hinein- und hinauszuwandern. Der Film ... ist ein fließender, organischer und zutiefst sympathischer Schwenk um die ganze Welt geworden.

Geradezu bizarr fühlt sich das globale Konzept hinter dem Werk anfangs an. Der Film beginnt nicht umsonst mit einer Draufsicht auf seinen Gegenstand: Die Weltkugel selbst. Über ein Jahr lang drehte Wenders sein teuerstes Projekt auf vier Kontinenten. In den Hauptrollen tummeln sich Franzosen, Japaner, Amerikaner, Australier, Deutsche, Schweden und durchgeknallte Schlagzeuger. Zu sehen sind atemberaubende Landschaftspanoramen von Südfrankreich, Sibirien und China. Dazu kommen Stadtportraits von Paris (als graffittiübersähtem Schmelztiegel), von Venedig (als stinkender Brühe), von Berlin (als fahrradfreundlicher Grünanlage), von Lissabon (als menschenleerer Architekturhülle), von Moskau (als überbuchtem Gehege für Neureiche), von Peking (als fröhlichem Armutsviertel) und von Tokio (als vollautomatisierter Zukunftswelt). Außerdem gibt es Musik von den üblichen Wenders-Verdächtigen: U2, R.E.M., Nick Cave, Leonard Cohen, Talking Heads. Nicht gerade originell, das alles – aber allein in seiner schieren Kraft und Größe gleichen die ersten anderthalb Teile dieses Films einer einzigen, gewaltigen, nie dagewesenen Ausholbewegung, die tatsächlich die gesamte Welt umschließt. Und das muss man erst mal miterlebt haben.

Dass ein „Director’s Cut“ gerne mal ein erweitertes oder gar alternatives Ende vorschlägt, ist nichts neues – aber diese Version hat noch ein praktisch komplett neues 90-Minuten-Segment hinten dran gehängt. Sicher wirkte der Schluss der Kinofassung etwas abrupt und beliebig, aber dass danach noch mal ein gesamter thematischer Block (wenn nicht sogar der thematische Hauptblock) folgen würde, das trifft den Zuschauer dann schon überraschend. Hier offenbart sich im Prinzip noch mal ein vollständiger, nie gesehener Film des Bildphilosophen Wenders, der sich deutlich von den vorangehenden 200 Minuten absetzt. In einer letzten, erneut herrlich kruden Wendung dreht die Handlung zur Drogenparabel, zu einem Essayfilm über die buchstäbliche Sucht nach Bildern, über den schleichenden Verlust des Inhalts und die deswegen nötige Überkompensation.

Daniel Bickelmann in 'filmzentrale'.


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