Angst essen Seele auf

Deutschland 1973 Regie u. Buch: Rainer Werner Faßbinder, Produktion: Rainer Werner Faßbinder, Tango-Film, 93 Min. - 16 mm - farbig, Darsteller: Brigitte Mira, El Hedi Ben Salem, Barbara Valentin, Irm Hermann, Peter Gauhe, Karl Scheydt, Rainer Werner Fassbinder, Marquard Bohm, Walter Sedlmayer, Doris Mattes, Liselotte Eder, Gusti Kreissl, Margit Symo.

Es ist eines der Schlüsselwerke von Rainer Werner Fassbinder, Anlass der Wiederaufführung ist der Tod von Hauptdarstellerin Brigitte Mira. "Angst essen Seele auf" setzt sich auf berührende Weise mit dem Problem der Fremdenfeindlichkeit auseinander. Der Filmtitel ist mittlerweile zum geflügelten Wort geworden, selbst der Duden „Zitate und Ausprüche“ listet den Satz als stehende Redewendung. Entstanden ist der Titel zufällig durch eine Äußerung El Hedi Ben Salems, damaliger (Lebensabschnitts-) Gefährte Fassbinders und Hauptdarsteller des Films.

Eine Frau (Brigitte Mira) tanzt aus Neugierde und Zufall mit dem marokkanischen Gastarbeiter - und es entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die gegen die anerkannten Konventionen ihrer Zeit wirkt: Familie und Bekannte, ja die ganze deutsche Gesellschaft scheint gegen den Fremden und das Fremde im Allgemeinen zu sein. Aggressionen brechen durch, hinter dem Rücken wird getuschelt und gemobbt. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Ausländerfeindlichkeit/ Fremdenhass/Xenophobie wird in Fassbinders Film drastisch präsentiert - und geht unter die Haut. Der Film zeigt die Ausgrenzung auf deutliche Art und regt zum Nachdenken darüber an, wie man sich selbst gegenüber "Fremden" verhält. Ein kleines Manko für den Zuschauer
30 Jahre nach Dreh: Viele Situationen wirken überzeichnet, die gesellschaftliche Situation hat sich gewandelt. Blanke, krasse Vorurteile, wie sie im Film gezeigt werden, sind teilweise aufgelöst, teilweise durch andere - oft nicht weniger diskriminierende - Verhaltensmuster ersetzt worden. Die rassistischen Charaktere in Fassbinders Film kommen teils ein wenig überzeichnet, da schematisch daher. Aber: Das ist vielleicht auch Teil der Botschaft. Die menschliche Beziehung der Protagonisten spielt sich vor einer gefühlstauben und flachen Kulisse aus Gegnern ab. Ein weiterer Aspekt ist durchaus hervorhebenswert: Brigitte Mira, 20 Jahre älter als ihr geliebter Film-Mann, zeigt auf eine berührende Art, wie sehr sie ihn liebt. Fast naiv kommt sie daher, hofft auf das Bessere, auf den Traum der Liebe - Szenen und Blicke, die unter die Haut gehen.

Fassbinder drehte den Film in seiner frühen Hauptschaffensperiode, in der er – nach seinen erfolgreichen Debuts in Theater und Film (Katzelmacher, Händler der vier Jahreszeiten, Der amerikanische Soldat) – Sozialdrama/Kritisches Volksstück und hollywoodsches Melodram zu verbinden suchte. Neues Vorbild waren Douglas Sirks Filme wie All That Heaven Allows (1955), ein Melodram, das eine ähnliche, ja parallele Konstellation wie Angst essen Seele auf aufweist. Fassbinder zitiert sogar Sirks Film in einigen Sequenzen.

Neu für Fassbinder, das deutsche Autorenkino und auch für fast das gesamte deutsche Kino der 70er Jahre war, dass hier zum ersten Mal ein sozialdramatischer Stoff gezielt dramaturgischen Wirkungsstrategien unterworfen wurde. Das, was später auch als Fassbinders „Wendung zum Publikum“ bezeichnet wurde, war nichts anderes als der Versuch, das Publikum über Psychologisierungen, Personenbindungen, bewusste Wirkungsschnitte und Kameraeinstellungen emotional zu führen.

Das mag heute selbstverständlich sein, war es doch seinerzeit keineswegs: der Autorenfilm sah sich im Wesentlichen dem sachlich-distanzierten Erzählstil verpflichtet, der formell dem Brechtschen epischen Verfremdungstheater entsprang und – im speziellen Falle Fassbinders - inhaltlich auf das Kritische Volksstück einer Marie Luise Fleißer Bezug nahm. Katzelmacher stand prototypisch für diesen alten Stil: lange Plansequenzen, kaum Schnitte, karge Dialoge, kaum Beleuchtung, keine psychologische Wärme - ein kalter und distanzierter Blick auf Welt und Subjekt.

In Angst essen Seele auf hält Sirks Prinzip „Motion makes emotion“ langsam Einzug in Fassbinders Filme. Später sollte Fassbinder diese Vorstellung noch erweitern: „Was ich möchte, ist ein Hollywood-Kino, also ein Kino, das so wunderbar und allgemeinverständlich ist wie Hollywood, aber gleichzeitig nicht so verlogen“ (RWF, Werkschau Programm, Berlin 1992, S. 204).


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