Aguirre, der Zorn Gottes

(Deutschland, 1972), Regie und Drehbuch: Werner Herzog, Kamera: Thomas Mauch, Schnitt: Beate Mainka-Jellinghaus, Musik: Popol Vuh, Darsteller: Klaus Kinski, Alejandro Repulles, Cecilia Rivera, Helena Rojo, u.a.

Klaus Kinski und Werner Herzog. Zwei Namen, zwei Größenwahnsinnige, eine Legende der deutschen Filmgeschichte. Zahlreiche Mythen ranken sich um das gemeinsame Schaffen der beiden - seien es die berüchtigten, oft stundenlangen Wutausbrüche Kinskis während den Dreharbeiten, sei es die Legende von Herzog, der während der Aufnahmen den agierenden Kinski vom Regiestuhl aus stets mit dem Gewehr anvisiert haben soll. 16 Jahre dauerte die kreative Allianz zwischen den beiden, 5 Filme wurden in dieser Zeit geschaffen. Mit "Aguirre, der Zorn Gottes" wurde im Jahr 1972 der Grundstein für den noch immer lebendigen Mythos gelegt.

Story:
Peru zum Jahreswechsel 1590/1591. Von den spanischen Konquistadoren an den Rand der eigenen Existenz getrieben, erfinden die letzten Inkas in ihrer Not die Legende von El Dorado, dem güldenen Land des unermesslichen Reichtums, in der Hoffnung, die Besatzer ins unwegsame Landesinnere zu treiben. Unter der Führung von Gonzalo Pizarro ziehen einige Hundert Spanier, darunter auch Vertreter des Adels, des Klerus und Dutzende indigener Sklaven, ins Dickicht des Dschungels. Dieses entpuppt sich schon bald als undurchdringlich für die Konquistadoren mit ihren Rüstungen, Kanonen, Pferden und Vorräten - an einem Fluss wird schließlich der Plan gefasst, Flosse zu bauen, um einen Spähtrupp von 40 Mann loszuschicken, die das Land erkunden und El Dorado ausfindig machen sollen. Das Kommando wird Don Pedro de Ursua übertragen, doch auch dieser Vorstoß ins Innere des Landes mit dem Floß entpuppt sich als kaum zu meisternde Hürde. Angriffe von Indios und die reißenden Stromschnellen dezimieren die Truppe zusehends. Als Ursua angesichts der desolaten Situation den Rückzug zur Truppe befiehlt, kommt es zur Meuterei: der missgestaltete Unterführer Don Lope de Aguirre, schon zuvor auffällig trotzig und arrogant, bringt die Soldaten und den Klerus mit Versprechungen von unvorstellbarer Macht und Reichtum hinter sich, legt Ursua und seine wenigen verbliebenen Anhänger in Ketten, rebelliert wider die spanische Krone und setzt den tapsigen, verfressenen Edelmann Don Fernando de Guzman als Marionetten-Kaiser auf den Thron von El Dorado. Die Suche nach dem goldenen Land auf dem Floß geht weiter. Tiefer in den Dschungel, tiefer in den alles verzehrenden Wahnsinn.

Werner Herzog bleibt sich treu und erzählt hier, wie auch in seinen anderen Filmen, einmal mehr eine Geschichte vom "ganz großen Scheitern". Macht, Ruhm und Größenwahn sind die 3 bestimmenden Koordinaten, vor allem aber die Sinnlosigkeit dieser menschlichen Kategorien und Rituale. Deutlich wird dies vor dem Hintergrund der erbarmungslosen Kräfte des wilden Dschungels, wenn Kanonenrohre als Insignien der politischen Macht durch den Schlamm gezerrt werden, junge Adelsdamen auf Sänften von Sklaven mühselig durch den Wald geschleppt werden oder wenn mitten im Dschungel feierlich die offizielle Erklärung der Meuterei und der Inbesitznahme von El Dorado an den spanischen König, der nicht nur bloß absent ist, sondern sich gar auf einem anderen Kontinent aufhält, verlesen wird. Schon das erste Bild – ein zermartertes, nebelverhangenes Gebirge auf dem sich, zunächst kaum erkennbar, eine spanische Armee gezwungenermaßen mühsig im Gänsemarsch fortbewegt – erklärt den Menschen zum Spielball einer ihm entfremdeten Natur und reduziert seine Machtgelüste zum bloßen Zeichen innerhalb realer Machtgefälle. Umso irrealer wirken somit die zahlreichen Rituale der Macht und Hierarchieordnungen, die der Film uns der Reihe nach präsentiert und in deren Dienste sich die Menschen in „Aguirre“ stellen. Die Symbole der Macht verkümmern im Dschungel mehr und mehr zum reinen Selbstzweck ohne Begründung dahinter, ohne Aussage. Genau wie der Glanz von El Dorado verpuffen sie im Nirgendwo der kollektiven Halluzinationen gegen Ende des Filmes. „Kein Fluss kann so hoch steigen“ kommentiert der die Mission begleitende Mönch gegen Ende im Fieberwahn ein Schiff in den Wipfeln eines Baumes am Ufer. Nun, die Macht des Menschen offenbar ebenfalls nicht, auch wenn Aguirre in seinem Monolog von sich als dem „Zorn Gottes“ spricht und die Vögel auf sein Geheiß hin tot von den Bäumen fallen würden.
Dass sich dieser allegoriereiche Film nicht im, dieser Grundthematik verführerisch nahe liegenden, überwältigenden Bilderrausch ergeht ist ein großer Verdienst Werner Herzogs. Anstatt dem möglichen Pathos seiner Geschichte zu erliegen, kleidet Herzog die Geschichte des großen Verrats Aguirres in schon beinahe „langweilige“ Momentaufnahmen der Agonie und des Molochs. Anstatt mit bombastischen Landschaftsaufnahmen in verkitschter Postkartenromantik zu schwelgen, wird die Natur hier fragmentarisch und vor allem real-existent, also unzeichenhaft, inszeniert.

Erwähnenswert ist selbstverständlich und besonders auch Klaus Kinski, der hier eine seiner größten Glanzleistungen im schauspielerischen Bereich seines Schaffens darbietet. So zeichnet er Don Lope de Aguirre gerade durch eine ganz bewusste Reduktion auf erschreckende Art und Weise als machthungrige Bestie. Ein Mensch, der in seiner Erhabenheit über allen zu stehen scheint und dem man nur zu gerne glauben möchte, dass die Erde unter seinen Füßen zu beben beginnt und die Vögel auf sein Wort hin tot von den Bäumen fallen. Nur sehr selten und pointiert kommt es zu den kinski-typischen, expressiven Ausbrüchen, ansonsten unterstreichen Mimik, Gestik und Wortausdruck die Diabolik seines Charakters, der tausende von Meilen entfernt gegen die spanische Krone rebelliert und eine neue Dynastie gründen will. Es ist ein cineastischer Genuß par excellence Kinskis Monologe, gerade und besonders den packenden Schlussmonolog, in dem Aguirre noch im Moment des „großen Scheiterns“ den eigenen Ruhm als gesichert betrachtet, auf der Leinwand zu verfolgen, seinem ausdrucksstarken Gesicht und den minimalen Muskelregungen darauf zuzusehen und sich von der Aura dieses „wahren Aguirres“ hypnotisieren zu lassen. Thomas Groh (07.09.2002)


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