Jerichow

Deutschland 2008, 93 Minuten, Regie: Christian Petzold, Drehbuch: Christian Petzold, Produktion: Florian Koerner von Gustdorf, Michael Weber, mit Nina Hoss, Benno Fürmann, Hilmi Sözer, André Hennicke, Kamera: Hans Fromm, Musik: Stefan Will, Schnitt: Bettina Böhler Kinostart: 08.01.2009

Harte Währung Liebe
Von Thomas Warnecke
Nach Gespenster, nach dem rätselhaften Zwischenreich von Yella, ist Jerichow in der äußeren, der äußersten Wirklichkeit aufgeschlagen. Die Prignitz ist hier nichts für Spaziergänger, die Härte des Asphalts der Landstraßen kann man spüren, die Härte und Aggressivität der teuren Automobile ist zu sehen, dafür braucht Hans Fromms Kamera keine Schwenks über Chrom und Lack. Und natürlich: Wer hat den härteren Blick, wer hält den Augen des anderen länger stand? Fast zu aufdringlich (ein wenig an die Kies-Auffahrten der Fernsehkrimivillen erinnernd) schildert der Ton das Auftreten der Protagonisten auf Holzdielen oder Gartenwegen. Mit dem Stapeln der Kisten, dem Zuschlagen der Autotüren liefert der Ton alleine schon eine Erzählung von der Beschaffenheit der Welt.

Und immer wieder fallen die Protagonisten hin. Es beginnt ganz leicht: Beiläufig und heimtückisch wie eine Messerstecherei ist das Duell zwischen André Hennicke und Benno Fürmann. Einen Moment nur braucht es, und das romantische Kinderbaumhaus ist als Geldversteck entzaubert. Geld ist, wie schon in Yella, das Blut, das durch die Adern der Filmhandlung pulsiert; wie das echte wird es nur sichtbar, wenn es aus den Verstecken herausgerissen wird. Hilmi Sözers Ali hat genug, doch liegt er ständig im Zweikampf mit sich selbst, das gute Herz mit dem Geschäftssinn, wenn er tagtäglich bei seinen 45 Imbißbuden abkassiert. Beim Autofahren holt er sich eine blutige Nase.

Der Farocki-Schüler Christian Petzold hat einen Dokumentarfilm über Körper gedreht, über Hilmi Sözers brummiges und gutmütiges Gesicht, seine dumpfe Stirn und über Benno Fürmanns Muskeln. Nina Hoss bleibt da erstmal nur ihr Gang, ein beiläufiges Schlendern, bis sie überraschend zugreift. Kurze Berührungen, schneller Sex im Flur mit Fürmann, während Sözer betrunken nebenan liegt. Alles ist Raub in diesem Film, Privatbesitz, der immer wieder von neuem zusammengerafft werden muß. Klar wie die sonnendurchfluteten Aufnahmen und Einstellungen des Films liegt hier vor Augen, daß es mit den dreien nicht gutgehen kann. In diesem durch und durch genrehaften Plot bedarf es keiner (sichtbaren) Manipulation des Autors, um Momente zu zerdehnen und permanente Suspense über die Bilder zu legen. Die Gegenwärtigkeit selbst der entrückten Szenen vom Ausflug an die Ostsee ist immer durch das Ungleichgewicht der Dreierkonstellation gefährdet und von der nie sichtbaren Vergangenheit, die die Protagonisten immer wieder einholt. Dabei wirkt die kammerspielartige Situation der Handlung nicht einmal konstruiert: Sie scheint vorgefunden in einem Niemandsland, das von Landstraßen zerteilt und den gelben Schildern der Bundesstraßen kartographiert ist, diese Gegend, durch die man bisweilen mit dem Auto fährt, durch das Fenster ein einsames Haus sieht und denkt: »Da kann doch keiner wohnen.« Vieles, die reduzierte, karge, lichtdurchflutete Plein-air-Bildsprache des Films mit nur wenig wechselnden Einstellungsgrößen, die Hitze, die permanente Nichterfüllung, erinnert an Claude Chabrols Der Schlachter, einen der schönsten und größten Filme aller Zeiten. Und auch Jerichow handelt vom Rückfall in die Barbarei, die Protagonisten sind zurückgeworfen in einen Überlebenskampf. Liebe ist ohne Geld nicht zu haben, nicht im platten Käufliche-Liebe-Sinn, sondern weil Geborgenheit, Glück und materielle Sicherheit eins geworden sind. Die Tragödie hinter diesem extrem spannenden Thriller liegt aber darin, daß alle Figuren noch Anstand, Moral, Gewissen, Herz mit sich tragen. Für die neue Beschaffenheit der Welt sind sie nicht hart genug, doch was sie wirklich fürchten, ist ihre menschliche Größe. Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn dieser Film seinen Urhebern nicht auch materiell reichen Erfolg einbrächte.


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