Die Marquise von O

(BRD/Frankreich 1976). Regie,Buch: Eric Rohmer. Kamera: Néstor Almendros. Schnitt: Cécile Decougis. Produktion: Les Films du Losange, Janus. Darsteller: Edith Clever, Bruno Ganz, Peter Lühr, Edda Seippel, Otto Sander u.a.

(BRD/Frankreich 1976). Regie,Buch: Eric Rohmer. Kamera: Néstor Almendros. Schnitt: Cécile Decougis. Produktion: Les Films du Losange, Janus. Darsteller: Edith Clever, Bruno Ganz, Peter Lühr, Edda Seippel, Otto Sander u.a. Der Film ist in Deutschland gedreht und die Originalfassung ist in deutscher Sprache. Wir zeigen ihn in der deutschen Fassung mit französischen Untertiteln.

Die Kleinanzeige oder Wie verfilmt man einen Gedankenstrich?

"...Mit Sinn für die Absurdität der Geschichte legt Rohmer die ironische Moralkritik der Vorlage bloß, um daraus ein heiteres Plädoyer für die praktizierte Menschlichkeit jenseits bürgerlicher Konventionen zu entwickeln." (moviepilot.de)
Von Thomas Warnecke
Nicht ganz so eine schlimme Binsen- oder vielmehr Nonsensweisheit wie die, daß die besten Geschichten »immer noch« das Leben schreibe, ist die, daß sich hinter den Kleinanzeigen oder vermischten Meldung in der Zeitung wahre Dramen verbergen (man schaue sich nur die Kontaktanzeigen an). Heinrich von Kleist kannte sich aus mit vermischten Meldungen, als Herausgeber der »Berliner Abendblätter« hat er selber welche gefälscht. Gleichzeitig wurde – und wird immer noch – dem gedruckten Wort eine gewisse Beglaubigungsmacht zugesprochen. Das machte Kleist sich zu nutze, um die unerhörte Geschichte von der verwitweten Marquise zu erzählen, die schwanger ist, ohne sich erinnern zu können, von wem wann in diesen Umstand versetzt worden zu sein, und nun per Annonce den Vater bittet, sich zu melden.

Das gedruckte Wort nutzt auch Eric Rohmer, der sich mit Die Marquise von O. vorgenommen hatte, »Kleists Text Wort für Wort zu folgen«. Dieses »Wort für Wort« ist eine Polemik aus den Gründungsjahren der Nouvelle Vague, als die Cahiers du cinéma gegen die Literaturadaptionen der »Tradition der Qualität« wetterten, die nach dem »Äquivalenzprinzip« vorgingen, kurz: bei der Literaturverfilmung »typisch literarische« oder »typisch theatrale« Szenen durch »typisch filmische« zu ersetzen bzw. Szenen der Vorlage, die für nicht verfilmbar gehalten wurden, einfach wegzulassen. Neben der unsinnigen Dichotomie literarisch versus filmisch bedeutete der Äquivalenz-Schwachsinn in letzter Konsequenz: Film ist dümmer als Literatur; was dem Leser verständlich ist, muß dem Kinozuschauer verständlich gemacht, idiotensicher vorgemacht werden.

Ehrensache also, daß Eric Rohmer auch lange nach der Nouvelle Vague und den Debatten um Literaturadaptionen am »Wort für Wort« festhielt. Und es bedarf nur weniger medientheoretischer Kenntnisse oder Spitzfindigkeit, um zu zeigen, daß »Wort für Wort« nicht stimmt.

Das »Wort für Wort« stimmt aber insofern, als daß der Film quasi der Erzählzeit des Buches folgt, daß die Szenen, die hauptsächlich aus langen Einstellungen bestehen, dem stockenden Gang der Vorlage entsprechen. Die knappe Form der Novelle kam dieser Entsprechung von erzählter Zeit/Buch und erzählter Zeit/Film entgegen.

Natürlich gibt es nicht »die eine« Weise, einen literarischen Text zu verfilmen (»Faust« zu inszenieren, Liszts h-Moll-Sonate zu spielen). Insofern ist Die Marquise von O. ein Manifest für den Umgang mit literarischen Vorlagen, und der Einsatz von Text – neben der erwähnten Zeitungsanzeige als innerfilmischen Textbild markieren Textinserts den Fortgang der Handlung – ein Plädoyer für den »unreinen« Film, der sich bewußt ist, allüberall, bei der Wahl der Vorlage bzw. überhaupt von Handlung und der »äußeren Wirklichkeit«, auf die er »abfilmend« zurückgreift, sowie beim gesprochenen Text und überhaupt dem Ton auf »Nicht-Filmisches« angewiesen zu sein.

Die immergrüne oder auch -graue Debatte um Werktreue macht Die Marquise von O. als Statement interessant, sehenswert ist sie aber durch das Spiel der Schaubühne-Stars, bei deren Inszenierung Rohmer auf die äußerst präzise Beschreibung der Gesten und Gebärden bei Kleist zurückgegriffen hat. Das wirkt hölzern, bis die Künstlichkeit – auch der Sprache – als ein höherer, quasi historisch-ironischer Realismus erkennbar wird. Zugleich ist die gehemmte Gangart enervierend – wie der Fortlauf der Handlung auch im Kleistschen Original. Zuletzt – ganz und gar filmisch! – sieht der Film mit diesem Spiel und der wenig bewegten Kamera aus wie ein Stummfilm. Mit seiner nur scheinbar einfachen Filmsprache hat Rohmer also nahezu alle Möglichkeiten von Film ausgeschöpft, so daß das Fehlen von Musik gar nicht mehr auffällt.

Eine Literaturverfilmung ohne Kostümfilmgeraschel und Ausstattungs-Großaufnahmenpornographie. Vergleichbar Bressons Tagebuch eines Landpfarrers, Truffauts Jules et Jim und Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent, Rivettes Die Nonne oder, um ein jüngeres Beispiel zu nehmen, Catherine Breillats Die letzte Maitresse, wird Rohmers Film auch in hundert Jahren noch aufregend sein. Wie gute Literatur.
(erschienen in schnitt.de)


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