Fack ju Göthe

(Deutschland 2013) Regie: Bora Dagtekin, Buch: Bora Dagtekin, Kamera: Christof Wahl, Schnitt: Charles Ladmiral, Musik: Michael Beckmann, L: 105 Min, FSK: 12. Darsteller: Elyas M'Barek, Karoline Herfurth, Katja Riemann, Jana Pallaske, Jella Haase.

 Karoline Herfurth, Elyas M'Barek

Deutscher Filmpreis 2013

ab  Jahre
ca. 101 min.

„Fack ju Göhte“

"Die Pennälerkomödie ist eine deutsche Spezialität. Aber das hier ist nicht "Die Feuerzangenbowle". In Bora Dagtekins Film holt ein Kleingangster die Schüler da ab, wo sie heute stehen, und zeigt ihnen das Leben. Da ist eine Lektion für alle drin

So kann’s gehen. Da schleppt man sich mit schlimmen Vorahnungen in einen Film, dessen Titel Humor der schwerverdaulichsten Sorte verheißt. Und lacht mehr, als man es sich in seinen kühnsten Träumen über das deutsche Komödienwesen je erhofft hatte. Bora Dagtekin richtet nach "Türkisch für Anfänger" nun eine Schulkomödie an, die zwar bewährten Mustern folgt, im Detail aber oft herrlich komisch ist." (Birgit Roschy,epd-film)

„Fack ju Göhte“ brach sämtliche Besucherrekorde im Kino, inzwischen haben ihn ca. 7 Millionen gesehen. Es war der erfolgreichste deutsche Film des letzten Jahres und erhielt dafür den deutschen Filmpreis.

Der Film ist eine Schulkomödie, die davon erzählt, wie der charmant-aggressive Bankräuber Zeki Müller nach Absitzen seiner Gefängnisstrafe eine Stelle als Aushilfslehrer an der sozial zerrütteten Goethe-Gesamtschule antreten muss, weil seine gute Freundin, die Prostituierte Charlie (Jana Pallaske), die Beute von seinem letzten Banküberfall in einer Baustelle unter dem Schulgelände vergraben hat. Blöderweise steht da, wo das Geld vergraben liegt, jetzt aber ein Baubunker, und Müller muss, natürlich, einen Tunnel graben, um heranzukommen.  "Regisseur Bora Dagtekin, der sich auf das Genre - „die etwas andere Schulkomödie“ - einlässt, gelingt fast paradoxerweise etwas Erstaunliches: Er verkehrt einige Vorzeichen klassischer Schul- und Integrationsnarrative so, dass genau der entrückte Raum entsteht, den es braucht, um eine Geschichte als „utopisch“ im besten Sinne zu bezeichnen - ... und das reißt mit." (Hannah Lühmann)

Nehmen wir als gegeben, dass der Hauptdarsteller Elyas M’Barek (der schon als junger Bushido und in "Türkisch für Anfänger" zu sehen war) mit seinem gekonnt genervten Gesichtsausdruck, einem astreinen Oberkörper und einer wirklich charmanten Junge-Männer-Lässigkeit über eine Starpower verfügt, die es in Deutschland sonst nur noch bei Matthias Schweighöfer gibt. Und vernachlässigen wir die Handlung, die ein routiniert gebauter Schwachsinn ist (Ex-Knacki lässt sich an einer Schule anstellen, um dort einen unter der Turnhalle vergrabenen Schatz zu heben, und wird als Aushilfslehrer nach Einsatz äußerst fragwürdiger Erziehungsmethoden zum Liebling aller Lehrer und Schüler). Wie kommt der Film dann zu seinem Drive, seiner Kraft und Dynamik?

"Es sind, natürlich, die Wucht, die Härte, der Bums, die absolute Zeitgemäßheit und Gegenwärtigkeit der Sprache. Vielleicht weiß zurzeit kein zweiter deutscher Autor neben Bora Dagtekin so genau, wie auf deutschen Schulhöfen, in U-Bahnen und auf Tankstellen gesprochen wird. Es ist ein grobes, derbes, plastisches, wunderbar falsches Deutsch, das aber auf Anhieb einleuchtet und richtig klingt: Kiezdeutsch, cooles Deutsch, Locker-Deutsch, Assi-Deutsch, Multikulti-Deutsch, Balkan-Deutsch, kreolisches Deutsch. Es ist, genau genommen, natürlich noch besser: Der Autor Bora Dagtekin weiß, wie man für einen Kinofilm ein Deutsch erfindet, das ihm sein Publikum, die Überzwölfjährigen, als wahrhaftig und authentisch abnimmt und über das studierte Bildungsbürger amüsiert staunen können.
...In der Goethe-Gesamtschule, in der Zeki Müller sich zwischen schwer erziehbaren Schülern als Aushilfslehrer bewähren muss, wird der Zuschauer Zeuge von ganz wunderbaren Schülerdialogen, Wortgefechten, Wort-Battles, ja einem sprachlichen Nahkampf. Ist es zu wohlfeil, darauf hinzuweisen, dass der Sound, Rhythmus, Flow, die Musikalität dieser Sprache natürlich von der amerikanischen Popkultur, den Wort-Battles des Hip-Hop, abstammen? Linguisten haben beschrieben, wie sich die deutsche Sprache auch unter dem Einfluss der Einwanderung aus der Türkei, dem Maghreb, aus Russland und dem Balkan verändert hat: Der große Trend ist die Vereinfachung: Gesprochen wird ein grammatisch sehr entspanntes Idiom (Artikel werden weggelassen, Fallendungen abgeschliffen, der Konjunktiv wird gar nicht, Präpositionen werden beliebig verwendet). In der Popkultur haben Hip-Hopper wie Bushido und Komiker wie Bülent Ceylan das neue Deutsch durchgesetzt, im Film Fack ju Göhte kann man es noch mal aufs Schönste hören:
"Gib zwei Euro. Ich muss Guthaben kaufen." - "Wusstest du, dass sie Push-up trägt?" - "Ey, red ma’ höflich, du Opfer." - "Halt Fresse und gib mir den Nagellack." - "Fuck you, fuck you, fuck you." - "Geh putzen, und danach kannst du mir einen blasen."

Seine Autorität bezieht der Aushilfslehrer, der nur bis zur achten Klasse zur Schule ging ("Das war meine Crackphase"), daraus, dass er, wenn die Konflikte hart auf hart kommen, die härtere, bösere, asozialere, verbotenere Sprache spricht als die Schüler selbst. Die Maßregelung eines Krawallbruders lautet: "Achte auf deine Ausdrucksweise, du Wichser." Einer pubertären Schülerin empfiehlt er: "Friss nicht so viel. Oder willst du als Jungfrau sterben?" Der Lehrer, der kein Lehrer ist, sagt seiner Schulklasse: "Ihr seid Abschaum. Und jetzt Fresse halten und sitzen bleiben, bis es vorbei ist." Das Ideal zivilisierten pädagogischen Umgangs wird so ad absurdum geführt: Der Lehrer schießt mit einer Paintball-Kanone auf seine Schüler. Durchsetzen kann sich in dieser Welt der deutschen Problemschule nur der, der über die schwerste sprachliche Schusswaffe verfügt und nicht zögert, sie einzusetzen.

Seine Kraft bezieht "Fack ju Göhte" genau aus der brutalen Direktheit des Ausdrucks – und aus den Momenten, in denen jene brutale Direktheit über die Mittel der Übertreibung und Ironie in eine höhere Wahrheit kippt. Ganz wunderbar sind die Kabbeleien, die sich der Aushilfslehrer mit der Großstadtgöre Chantal (Jella Haase) liefert, einer der schönsten Figuren des deutschen Kinos der letzten Jahre. "Chantal, heul leise", sagt der Aushilfslehrer und: "Du stinkst derbe nach CK1." Chantal schlägt zurück: "Ganz ehrlich, Herr Müller, sind Sie geborderlinert oder was? Müller, ey, Sie Geisterkranker!" Es ist - Entschuldigung - großes Kino, dass Chantal "Geisterkranker", nicht "Geisteskranker" sagt, denn so unergründlich falsch und rätselhaft schön sprechen deutsche Jugendliche. In ihrer streetwisen Cleverness sagt Chantal, die deutsche Britney Spears, die – so kokett, überschminkt, präpotent – in vielen deutschen Klassenzimmern sitzt, dem Lehrer auf den Kopf zu, wer er ist: "Sie sind ein Faschist, Herr Müller, ich hasse Sie."

Der Zuschauer erhält eine sagenhaft hochprozentige Injektion deutscher Poesie, deutschen Alltags, deutscher Wirklichkeit. Wir alle sollten noch oft über diesen Film sprechen." (Eine Sprachkritik von Moritz von Uslar DIE ZEIT Nº 50/2013)

  


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