Französische Filmtage

Jede Tour de France beginnt mit einem Prolog. Welche Ecke Deutschlands wäre dafür geeigneter als das Saarland, das „Tor zu Frankreich“ (glücklicherweise nicht mehr das Einfallstor)? Das gilt nicht nur für die Tour der Radler, sondern auch, ja erst recht für eine historische, kulturelle Tour de France. Und die Französischen Filmtage in St. Ingbert erscheinen als ein besonders gut geeigneter Ort für einen solchen kulturell-historischen Prolog.


v.l. Prof. Kimmel, Generalkonsul Mandon,
Staatssekretärin Dr. Reichrath
Die Französischen Filmtage finden jährlich seit 1996 in St. Ingbert statt, einer Mittelstadt mit knapp 40000 Einwohnern, etwa 15 km östlich von Saarbrücken, heute an der ICE-Strecke Paris – Frankfurt/Main und an der früheren Heerstraße Napoleons Paris – Berlin – Moskau gelegen. (Die wichtigste St. Ingberter Geschäftsstraße, die Kaiserstraße, ist nach ihm und nicht nach einem Hohenzollern benannt.) Ort dieser deutsch-französischen Begegnung ist ein kommunales Kino, die Kinowerkstatt in der ehemaligen Pfarrgassschule, einem in seinem Interieur ziemlich heruntergekommenen Gebäude. Das Kino, aus zwei ehemaligen Schulsälen gebildet, hat etwa 100 Plätze und strahlt einen ganz eigenen Charme aus. Die etwa ein halbes Jahrhundert alte Bestuhlung, ein Geschenk des Saarbrücker Theaters und die Vorführkabine erinnern unwillkürlich an den Film „Cinema Paradiso“, der die Geschichte des Kinos in einem sizilianischen Dorf in den 40er Jahren erzählt, und sie lassen ähnliche Nostalgiegefühle aufkommen. Nur die Graffitti an den Wänden sind jüngeren Datums…

Die Filmtage gehen zurück auf eine Idee und Initiative zweier kulturell engagierter Ehepaare. Anlass war das 15jährige Bestehen der Partnerschaft zwischen St. Herblain (bei Nantes) und St. Ingbert. Das Motiv war die für einen an französischer Kultur interessierten Deutschen betrübliche Erfahrung, dass nur wenige französische Filme in ihrer Originalfassung den Sprung über die Grenze, in einen deutschen Kinosaal schaffen. Wunsch und Absicht war die Förderung der Zweisprachigkeit im Saarland (einer der Initiatoren ist pensionierter Französischlehrer), die, entgegen einem sich im „Reich“ hartnäckig haltenden Gerücht, noch nicht ganz die gesamte Saarbevölkerung erfasst hat (wenn in einem deutsch-französischem Sujet ausnahmsweise ein britisches understatement erlaubt ist). Um die interessierten Saarländer (mitunter, aber fälschlicherweise als Saarfranzosen bezeichnet) nicht zu überfordern, sollten die Filme freilich wenn möglich mit deutschen Untertiteln gezeigt werden.


Generalkonsul Mandon,
Schirmherr der Veranstaltung
Die Filmtage finden jeweils von Freitag bis Sonntag statt. Sie werden organisiert von den beiden schon erwähnten Ehepaaren und dem Betreiber der Kinowerkstatt, während einiger Jahre in Zusammenarbeit mit dem Institut d’Etudes Françaises in Saarbrücken. Sie stellen das Programm zusammen und wählen die Filme aus. Auf den Filmtagen werden ausschließlich französische Filme gezeigt, jeweils fünf bis sieben, im Original mit oder auch ohne Untertitel oder in deutscher Fassung. Die Besucher hatten im vergangenen Jahrzehnt Gelegenheit, Filme von nahezu allen bedeutenden französischen Regisseuren zu sehen: von René Clair bis Alain Resnais, von Jean Renoir bis Jean-Luc Godard, von Marcel Carné bis Louis Malle, von Luc Besson bis François Truffaut, von Jacques Tati bis Agnès Varda etc. Kaum einer der Filme, der seinen festen Platz in der französischen (und nicht nur in der französischen) Filmgeschichte hat, fehlt. Es wäre müßig, alle diese Klassiker hier noch einmal aufzuzählen. Oft wählen die Veranstalter ein Rahmenthema für die Filmtage: Individuum und Gesellschaft; Stadt und Land; Das Bild der Frau; Paris; Krieg und Frieden etc. Viele der Filme behandeln gesellschaftliche Probleme oder thematisieren Ereignisse aus der französischen Geschichte. Dabei kommen immer wieder auch die deutsch-französischen Beziehungen zur Sprache, meist in ihren konfliktbetonten Phasen. Aber es fehlen auch nicht Abenteuer- und Liebesfilme oder Künstlerporträts (z.B. Le salaire de la peur; Jules et Jim; Van Gogh, Camille Claudel), für die man keinen historisch-gesellschaftskritischen Bezug zu bemühen braucht. Auf den zweiten Filmtagen 1997 gab es Streifen aus der Zeit zu sehen, „als die Bilder laufen lernten“: Stummfilme aus den Anfangsjahren des Kinos, u.a. Kurzfilme der Brüder Lumière selbst, am schon betagten Klavier von einem Pianisten aus St. Herblain live „vertont“.


v.l. Dr. Reichrath, Herr Schmitt, Heinrich Klein
Zur Konkretisierung und Veranschaulichung sei ein näherer Blick auf die ersten und die letzten Filmtage geworfen. Bereits der Eröffnungsfilm 1996 zeigt die Absicht und den Mut der Veranstalter, Filme zu zeigen, die – zumindest hierzulande – nur schwer das breite Publikum erreichen. „La haine“ von Matthieu Kassovitz schildert die Situation arbeitsloser Jugendlicher, vor allem nordafrikanischer Herkunft, in der Pariser Banlieue und die Konfrontation mit der Polizei. Geradezu prophetisch lässt der Film die Revolte vom Herbst 2005 erahnen, trägt jedenfalls zu ihrem Verständnis bei. Daneben gab es aber auch „Die Bartholomäusnacht“, einen typisch französischen Historienfilm, oder „Van Gogh“ zu sehen. Bei den Filmtagen 2007, unter der Schirmherrschaft des französischen Generalkonsuls im Saarland, ging es um Krieg und Frieden. Unvermeidlich standen dabei die wiederholten deutsch-französischen Waffengänge und ihre Folgen im Mittelpunkt. Zwar durfte Jean Renoirs Meisterwerk „La Grande Illusion“ von 1937 über den Ersten Weltkrieg und die Beziehung zwischen einem deutschen und einem französischen Offizier, beide standesbewusste Aristokraten, nicht fehlen, aber auch weniger bekannte, doch nicht weniger zum Nachdenken anregende und in das Grauen des Krieges eindringende Filme wie „La chambre des officiers“ oder „Les égarés“ waren ebenso sehenswert. „L’armée des ombres“, eine ziemlich düstere Verfilmung eines Romans von Joseph Kessel (mit Simone Signoret und Lino Ventura) bringt dem Zuschauer das schwierige und jederzeit vom Tod bedrohte Leben der ebenfalls dem erbarmungslosen Gesetz des Krieges unterworfenen Mitglieder einer Résistancegruppe gegen die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg nahe. Der in Frankreich seinerzeit (1973) umstrittene Film „Lacombe Lucien“ von Louis Malle entwirft dagegen ein desillusioniertes Bild der Résistance, ist ein Beitrag zur Entmystifizierung des Mythos. Bei Fernandel bleibt natürlich kein Auge trocken (vor Lachen). Die wunderbare Komödie „La vache et le prisonnier“ über einen französischen Kriegsgefangenen in Deutschland (während des Zweiten Weltkriegs), der mit Hilfe einer Kuh nach Frankreich fliehen will, zeigt – schon 1959 – ein durchaus differenziertes Bild der Deutschen, die nicht alle SS-Schergen sind.

Über die Jahre hinweg erhält der Besucher der Filmtage nicht nur einen sehr guten Überblick über einen Sektor der französischen Kultur, dem große Bedeutung zukommt, sondern auch, durch die Filme vermittelt, Einblicke in die unterschiedlichsten Probleme der französischen Gesellschaft sowie Informationen über wichtige Epochen und Ereignisse der französischen Geschichte und über die deutsch-französischen Beziehungen.

Natürlich ist nicht zu erwarten, dass eine Veranstaltung wie die Französischen Filmtage ein Massenpublikum anlockt. Aber bei vielen Filmen ist der Saal immerhin gut bis sehr gut besetzt. Die Zuschauer kommen nicht nur aus St. Ingbert, sondern auch aus Saarbrücken, Homburg, Neunkirchen und anderen nahegelegenen Orten. Das Publikum ist deutsch und französisch gemischt, wobei die deutschen Besucher zwar in der Mehrheit sind, aber nicht allzu deutlich. Bedauerlich ist, dass – wie es bei derartigen Veranstaltungen nicht selten der Fall ist – die Jugend in nur dürftiger Zahl vertreten ist. Hollywood-Spektakel mit den allerletzten „special effects“ wird allerdings auch nicht geboten.

Wichtige, unverzichtbare Elemente der Filmtage sind der Umtrunk im Kino selbst nach dem Eröffnungsfilm (bei den letzten Filmtagen in Anwesenheit des französischen Generalkonsuls) und der Imbiss (nebenan im Internet-Café des Jugendzentrums) nach der Sonntagsmatinée. Hier wird, abwechselnd in deutscher oder französischer Sprache, über die Filme, aber auch über alles Mögliche Andere geplaudert. Hier gibt es eine selbst im Saarland nicht allzu häufige, spontane deutsch-französische Begegnung abseits der offiziellen Anlässe.

Zwei allgemeine Aspekte dieses in einem regionalen, sehr bescheidenen Rahmen stattfindenden deutsch-französischen Kulturereignisses sollen noch hervorgehoben werden. Zum einen ist offensichtlich, dass eine derartige Veranstaltung in einem rein kommerziellen, auf finanziellen Gewinn abzielenden (und darauf angewiesenen) Kino nicht möglich wäre. Insofern hatte die französische Position bei der Uruguay-Runde im Rahmen der GATT-Verhandlungen 1993, auf der „exception culturelle“ zu bestehen, also die Kultur nicht als eine Ware wie Autos oder Parfum zu betrachten und sie nicht einfach den Marktmechanismen zu unterwerfen, durchaus ihre Berechtigung. (Dabei wird nicht übersehen, dass mit der Verteidigung der Kultur auch handfeste wirtschaftliche Interessen protektionistisch verteidigt werden.)

Zum anderen muss noch einmal unterstrichen werden, dass es sich bei den St. Ingberter Französischen Filmtagen um eine rein zivilgesellschaftliche Veranstaltung handelt. Die beiden St. Ingberter Ehepaare, der Betreiber der kinowerkstatt und einige helfende Hände erledigen alles selbst: die Auswahl der Filme und ihre Beschaffung, die Pressearbeit bis zur oft mühevollen Organisation, die den Einkauf für den Imbiss ebenso wie das Aufräumen danach einschließt. Auch die benötigten Finanzmittel werden überwiegend privat beigebracht. Während einiger Jahre war das Institut d’Etudes Françaises nicht nur bei der Beschaffung der Filme und Rechte hilfreich, sondern hat auch direkte finanzielle Unterstützung geleistet. Seit den Filmtagen 2007 ist der französische Generalkonsul nicht nur persönlich anwesend, sondern trägt auch zur Finanzierung bei. Die Unterstützung der Stadt St. Ingbert beschränkt sich im Wesentlichen auf die kostenlose Nutzung des kommunalen Kinos. Zivilgesellschaftliche Aktivitäten dieser Art, Begegnungen der Menschen außerhalb der offiziellen Gelegenheiten, bilden den Boden, in dem die politischen Beziehungen Wurzeln schlagen und sich dauerhaft entwickeln können.
 
Kinowerkstatt
Pfarrgasse 49
66386 St. Ingbert

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