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12.09.2010

Claude Chabrol, einer der letzten großen Regisseure der Nouvelle Vague, ist tot.

 

 

Unsere 13. Französischen Filmtage  v. 6. - 9. März 2009 waren Claude Chabrol gewidmet.





Im Gespräch: Claude Chabrol

Sind Sie ein Feminist, Monsieur Chabrol?

Fast 60 Kinofilme hat Claude Chabrol gedreht, doch von Müdigkeit keine Spur. Für einen Mythos wirkte er sehr lebendig als er in Turin Marco Schmidt traf. Chabrol sprach über die Zutaten für einen guten Krimi, unverzeihliche Filme und furchtbare Erfahrungen mit Jodie Foster.

Claude ChabrolClaude Chabrol

23. Juli 2007 

Fast sechzig Kinofilme hat er gedreht, doch von Müdigkeit fehlt jede Spur. In seiner Hotelsuite mit Blick auf Turin und die Piemonteser Berge riecht es nach Essen und Zigarrenrauch. Claude Chabrol steckt in einem ausgebeulten Cordanzug. Für einen Mythos wirkt er höchst lebendig: Aus seinen Augen blitzt der Schalk und sein Lachen füllt den Raum wie eine Urgewalt.

Was ist denn aus Ihrer Brille geworden, Monsieur Chabrol? Trugen Sie nicht immer so eine Art Röntgenbrille, mit der Sie hinter die Fassade des Bürgertums blicken konnten?

Gut, dass Sie danach fragen - da kann ich gleich dem üblen Gerücht entgegentreten, ich sei auf Kontaktlinsen umgestiegen. Die Wahrheit ist: Ich habe meine Augen operieren lassen. Und jetzt muss die Bourgeoisie wirklich zittern - denn dank dieser Operation kann ich tatsächlich durch die dicksten Mauern hindurchsehen!

Wie kaum ein anderer kennen Sie die Zutaten und das Rezept für einen guten Gesellschaftskrimi. Haben Sie den Grundstein für Ihre filmische Giftmischerei schon während Ihres Pharmaziestudiums gelegt?

Das bezweifle ich. Ich stamme aus einer alten Apothekerfamilie und habe dieses Studium nur meinen Eltern zuliebe begonnen. Aber ich bin durch sämtliche Prüfungen durchgerasselt - schon die Fragen habe ich nie kapiert. Ich hoffe sehr, dass ich als Filmemacher mehr Talent bewiesen habe als in der Pharmazie.

Ihre Eltern haben Sie am Besuch der Pariser Filmschule gehindert; Sie haben nie als Regieassistent gearbeitet oder durch das Inszenieren von Kurzfilmen Erfahrung gesammelt. Wie kamen Sie 1957 auf die Idee, einen Kinofilm zu drehen?

Das war eigentlich eine Schande. Ich schäme mich richtig. Meine erste Frau stammte aus reichem Hause, und wir haben im Grunde nichts anderes gemacht, als dekadente Partys zu veranstalten. Als sie dann auch noch ihre Oma beerbte, wussten wir gar nicht mehr, wohin mit dem Geld. Da beschloss ich, einen Film zu drehen, um wenigstens einen Teil der Kohle auszugeben. Unglücklicherweise war der Film erfolgreich, und so sah ich mich gezwungen, einen zweiten zu machen.

Sie gehören also selbst zu jener Bourgeoisie, die Sie in Ihren Filmen so scharf attackieren.

Stimmt. Aber man sollte das, was man kritisiert, sehr genau kennen. Und über die Probleme der Minenarbeiter weiß ich nun mal herzlich wenig. Natürlich kann ich meine bourgeoise Herkunft nicht verleugnen. Ich bekenne mich gern zu einigen typisch bürgerlichen Marotten: Ja, ich liebe Bequemlichkeit; ja, ich richte mich gern wohnlich ein. Aber meine Denkweise ist eher die eines Bohemiens: Ich verabscheue jede Art von sozialer Scheinheiligkeit, und ich mache mir nichts aus Geld und Besitz. Auch für meine Filme habe ich mich immer sehr schlecht bezahlen lassen.

Waren Sie deshalb gezwungen, seit fünfzig Jahren einen Film nach dem anderen zu drehen?

Ja, das ist einer der Gründe. Hauptsächlich liegt das aber daran, dass ich es einfach liebe zu drehen: Am glücklichsten bin ich immer während der Dreharbeiten. Deshalb war stets mein oberstes Ziel, kontinuierlich Filme machen zu können. Dabei hatte ich nie Angst, auch mal Schund zu produzieren. Als Filmemacher muss man sowieso ständig Kompromisse eingehen. Darum finde ich es gar nicht schlimm, ab und zu Mist zu drehen. Man muss nur dazu stehen.

Welche Ihrer Filme finden Sie denn besonders misslungen?

Hoho! Das werde ich Ihnen gerade auf die Nase binden! Sagen wir mal so: Es gibt mindestens fünf, die ich nahezu unverzeihlich finde. Einen davon will ich Ihnen nennen: „Folies Bourgeoises“ aus dem Jahr 1976. Wenn ich eingebildet wäre, würde ich sogar behaupten, ich hätte damit den schlechtesten Film der Welt fabriziert. Aber ich bin bescheiden: Es ist bloß einer der miserabelsten Filme aller Zeiten!

In der Retrospektive Ihrer Filme beim Filmfestival von Turin konnte man einige Perlen entdecken, die nie in deutsche Kinos kamen - darunter „Der zehnte Tag“ mit Orson Welles in der Hauptrolle ...

Volltreffer! Das ist eine meiner fünf größten Filmsünden. Diesen Film hasse ich besonders, weil ich ihn völlig in den Sand gesetzt habe. Gleichzeitig liebe ich ihn, denn während der Dreharbeiten habe ich meiner Frau meine Liebe gestanden. Mit Orson Welles war es meistens ganz lustig - er schien mir noch verfressener als ich, was ich nur von wenigen Menschen behaupten würde. Aber er konnte auch ein Widerling sein. Eines Tages kam er sturzbetrunken ans Set, weil seine Frau nach Paris abgehauen war, und nervte mich den ganzen Tag: Sobald ich eine Regieanweisung gab, brach er in schallendes Gelächter aus. Ein Albtraum!

Haben Sie angenehmere Erinnerungen an Jodie Foster, die Hauptdarstellerin Ihrer Simone-de-Beauvoir-Verfilmung „Das Blut der anderen“?

Jetzt werden Sie mir aber langsam unheimlich, junger Mann! Wenn Sie so weitermachen, haben wir bald meine fünf schlimmsten Film-Ausrutscher zusammen. Auch mit Jodie Foster habe ich furchtbare Erfahrungen gemacht: Ich hatte sie im Jahr zuvor als reizende junge Dame kennengelernt. Doch dann schoss bekanntlich ein Verrückter auf Präsident Reagan, um Jodie Foster seine Liebe zu beweisen - und dieses Ereignis warf sie völlig aus der Bahn: Sie fing an, den ganzen Tag Erdnussbutter zu mampfen, und als sie am Set ankam, hatte sie mindestens zwanzig Kilo zugelegt. Sie war so fett, dass wir dem Film einen neuen Arbeitstitel gaben: „Die Kuh und der Gefangene“.

Hervorstechendes Merkmal fast aller Ihrer Filme ist es, dass Sie die düstersten menschlichen Abgründe ganz nüchtern, objektiv und wertfrei schildern ...

Ja, denn Filme mit einer Botschaft bringen mich entweder zum Kotzen oder zum Lachen. Ich finde es unmoralisch, dem Zuschauer eine Moral aufzudrücken, ihn beeinflussen zu wollen, ihm sozusagen ein Hirn-Klistier einzupflanzen. Ein Film sollte das Publikum vielmehr zum eigenständigen Nachdenken anregen. Darum versuche ich nur, die Menschen präzise so zu zeigen, wie sie sind. Es wäre doch heuchlerisch, sie zu verurteilen - schließlich hat jeder von uns Dreck am Stecken.

Sie auch? Was haben Sie denn für Verbrechen begangen?

Bisher bloß kleine Gaunereien. Nach dem Krieg habe ich zum Beispiel in Bücher von amerikanischen Schriftstellern gefälschte Widmungen hineingeschrieben: „Mit besten Wünschen, William Faulkner“ oder „Für meinen treuen Freund, Ernest Hemingway“. Diese Bücher konnte ich dann für viel Geld verhökern. Das fand ich intelligenter, als im Supermarkt zu klauen. Und ich habe mich nie erwischen lassen!

Ihre Filme erwecken den Eindruck, als hätten Sie ein Faible für Morde ...

Ja, ich gebe es zu: Ich mag Leichen. Ein guter Mord ist das Salz in der Suppe eines Films. Wenn ein Film, in dem kein Mord passiert, den Leuten nicht gefällt, dann haben sie das Gefühl, ihre Zeit verschwendet zu haben. Sobald aber auf der Leinwand jemand umgebracht wird, sagen sie: „Na ja, wenigstens habe ich mich nicht gelangweilt.“ Diesen Sadismus der Zuschauer mache ich mir gerne zunutze.

In Ihrem Film „Die Brautjungfer“ verlangt die Titelheldin von ihrem Freund sogar einen Mord als Liebesbeweis. Wie würden Sie auf eine solche Bitte reagieren?

Den Gedanken, jemanden zu töten, finde ich gar nicht so abwegig. Denn wenn Sie geboren werden, erhöhen Sie die Zahl der Menschen auf diesem Planeten um eins - und durch einen kleinen Mord könnten Sie das wieder ins Gleichgewicht bringen. Zwei Morde zu begehen, halte ich dagegen für absolut verwerflich!

Was war der größte Liebesbeweis, den man je von Ihnen gefordert hat?

In meiner unergründlichen Weisheit habe ich derartigen Dingen vorgebeugt und den Frauen immer sofort sämtliche Wünsche von den Augen abgelesen. Ich glaube, das härteste Liebesopfer, das man mir je abverlangt hat, war die Bitte: „Mach deine Zigarre aus, sie stinkt!“

Sie konnten überhaupt immer gut mit Frauen, oder? In Ihren Filmen kommen sie jedenfalls durchweg deutlich besser weg als die Männer ...

Ich liebe nun einmal die Frauen. Sie faszinieren mich - ihre Stärken ebenso wie ihre Schwächen. Frauen sind einfach schon per se interessant. Um dagegen einen Mann halbwegs interessant zu machen, muss man sich erst mal eine Menge einfallen lassen. Männer sind meistens entsetzlich feige und verhalten sich höchstens mal in Ausnahmesituationen heroisch - da lassen sie sich dann gerne feiern. Frauen hingegen sind zäh, sie packen das Leben an, sie sind die Heldinnen des Alltags. Ich habe keinen Schimmer, wie sie es überhaupt mit uns aushalten. Sie sehen, ich bin ein überzeugter Feminist - wenn auch kein militanter!

Welche Ihrer Darstellerinnen hat Sie am meisten beeindruckt?

Schwer zu sagen! Ludivine Sagnier, die in meinem neuesten Film spielt, finde ich phänomenal. Aber natürlich auch meine Ex-Frau Stéphane Audran, die Hauptdarstellerin vieler meiner Filme - da gab es nur irgendwann den Punkt der Übersättigung, weil ich sie nicht nur den ganzen Tag vor der Kamera sah, sondern auch nachts zu Hause. Dieses Problem habe ich zum Glück mit Isabelle Huppert nicht, obwohl wir beide nach sieben gemeinsamen Filmen auch fast schon wie ein altes Paar sind. Sie weiß, dass ich sie vor allem wegen ihrer Fehler liebe. Und sie verübelt es mir nicht, wenn ich mich über sie mokiere.

Sie hat über Sie gesagt, Sie seien eine Eisenhand in einem Samthandschuh ...

Damit spielt sie wohl auf meine natürliche Autorität an: Ich habe es nicht nötig, autoritär aufzutreten. Und ich finde, man macht sich immer leicht lächerlich, wenn man seine Macht zu sehr ausspielen will. Wer den großen Zampano markiert, offenbart bloß seine Schwäche. Filmemachen ist schließlich Teamarbeit!

Ihre Filmfiguren reden oft von Schicksal. Glauben Sie persönlich daran?

Nein, überhaupt nicht. Ich glaube weder an Schicksal noch an Karma, sondern an die menschliche Natur. Wenn ich das Wort Karma höre, zücke ich sofort meine Pistole. Karma! Pah! Das plappern diese jungen Leute doch bloß irgendwelchen indischen Gurus nach. Die sollen stattdessen lieber die indische Kochkunst studieren!

Ein gutes Stichwort: Sie gelten als Gourmet. Auch in Ihren Filmen wird ständig gegessen.

Essen ist nicht nur eine Leidenschaft von mir, sondern geradezu eine Obsession. Ohne Essen läuft bei mir überhaupt nichts. Sogar am Set sorge ich dafür, dass an der Verpflegung nicht gespart wird: Eine Filmcrew arbeitet erfahrungsgemäß besser, wenn das Essen gut ist!

Seit Jahren arbeiten Sie mit demselben Team, zu dem sogar einige Familienmitglieder gehören. Sie drehen Filme über Familien, hinter deren heiler Oberfläche die übelsten Verbrechen lauern. Befürchten Sie nicht, dass auch bei Ihnen am Set mal ein Mord passiert?

Nein, der Zusammenhalt in unserer Familie ist sehr groß. Und die Geschichten, die wir verfilmen, stehen uns ja immer als warnendes Beispiel vor Augen. Außerdem kann ich die ganze Bagage perfekt überwachen, wenn ich sie immer um mich herum habe.

Keine Angst vor Routine oder Langeweile?

Ich habe gar nichts gegen Routine: Eingespielte Partner spornen sich gegenseitig zu Höchstleistungen an. Und Langeweile? Da muss ich ein bisschen leiser reden, damit mich meine Frau nebenan nicht hört: Langweilig wird es mir höchstens zu Hause - aber niemals am Set. Filmen ist für mich wie eine Droge, ohne die ich nicht leben kann. Was sollte ich denn auch sonst treiben?

Sie müssten sich eigentlich ganz gut mit Woody Allen verstehen: auch so ein Workaholic, der mit über siebzig wie schon seit Jahrzehnten unermüdlich jedes Jahr einen Film dreht und meist in einem bestimmten Genre reüssiert ...

Ehrlich gesagt, finde ich diesen Vergleich nicht sehr schmeichelhaft. Denn ich habe ein echtes Problem mit Woody Allen: Manche seiner Filme liebe ich, aber andere hasse ich wie die Pest. Und ich glaube, dass meine schlechten Filme lange nicht so schlecht sind wie seine. Außer „Folies Bourgeoises“ - der ist so abgrundtief schlecht, dass selbst Woody Allen nicht mehr mitkommt!

Die Fragen stellte Marco Schmidt



Text: F.A.Z., 21.07.2007, Nr. 167 / Seite Z6
Bildmaterial: Illustration Burkhard Neie/xix


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