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17.11.2008

Peter W. Jansen gestorben.

Der Marathon-Mann

Von Andreas Kilb

Peter W. Jansen 1930 - 2008

Es sagt sich so leicht, dass einer eine Institution sei in seinem Gewerbe, seinem Feld. Meistens ist es eine Übertreibung. Aber im Fall des Filmkritikers und Filmpublizisten Peter W. Jansen muss man es sagen, denn es stimmt. Jansen war mehr als ein Kenner und Könner, er hat unseren Blick geprägt – auf Filme ebenso wie auf das Schreiben und Reden über Film.


In den siebziger Jahren, als wir Kinder des Fernsehens anfingen, uns zum Kino zurückzutasten, war Jansen das Gesicht und die Stimme der Filmkritik im ZDF, in der Kultursendung „aspekte“, in der er alle vierzehn Tage sein Verdikt über den neuen Coppola, den neuen Bertolucci, die neueste Provokation von Fassbinder oder die amerikanischen Sehnsüchte von Wenders abgab. Es war klar, dass Jansen das Hollywoodkino ablehnte, dass er mit „Star Wars“ nichts am Hut hatte und Angelopoulos hoch über Spielberg stellte, aber er tat das nicht mit der wegwerfenden, schnöselhaften Geste des Kulturkritikers, sondern mit dem strengen Ernst des Enthusiasten.

Ein Mann des Publikums

Jansen, 1930 in Elsdorf im Rheinland geboren, war ein Filmbesessener von Anfang an. Als junger Journalist erlebte er die aufregendste Zeit des europäischen Tonfilms, und er hatte das Glück, vielen Gründervätern des Kinos noch persönlich zu begegnen. Im Jahr 1965, als Filmkritiker dieser Zeitung, traf er den greisen Fritz Lang in einem Frankfurter Hotel. Lang, der nach den schlimmen Erfahrungen mit seinem „Tiger von Eschnapur“ und den „1000 Augen des Dr. Mabuse“ mit Deutschland gebrochen hatte, suchte wieder Kontakt zur deutschen Filmszene, und Jansen gab sein Ansuchen in seinem Bericht weiter. Leider wurde nichts mehr daraus.

Später dann, als Filmredakteur des Südwestfunks und „aspekte“-Kolumnist, hat Jansen die Großen des Neuen Deutschen Films porträtiert und kritisch begleitet. Aber anders als manche Kritikerkollegen verstand er sich nie als Komplize der Filmemacher. Jansen war immer ein Mann des Publikums, er wollte nicht belehren, sondern die Zuschauer und Zuhörer einladen, mit seinem Blick auf die Filme zu schauen, die ihn begeisterten oder empörten. Das gilt auch für die Texte, die er für die „Frankfurter Rundschau“, den „Tagesspiegel“, die „Zeit“ und das „Tip“-Magazin schrieb sowie für die legendäre „Blaue Reihe“, die er zusammen mit Wolfram Schütte bei Hanser herausgab – und ganz besonders für die Hörfunkreihe, mit der er in hundert Folgen „Jansens Kino“ vorstellte und die nun zu seinem eigentlichen Vermächtnis geworden ist.

Wider die bloße Routine

In einem seiner letzten öffentlichen Auftritte vor zwei Jahren in Ludwigsburg hat Jansen den Filmkritiker als Überwinder der eigenen Denkfaulheit beschrieben. „Eines wünsche ich Ihnen vor allem: Dass Sie niemals satt sein werden. Dass Sie niemals Überdruss empfinden. Dass Sie niemals arrogant werden, ausgebufft, hochnäsig, gelangweilt.“ Wer Jansen kannte, wusste, dass er diese Haltung nicht nur predigte, sondern lebte. Er war ein Marathon-Mann des Filmeguckens, ein engelsgeduldiger, allem Neuen und Ungewohnten zugeneigter Zuschauer mit einer unzerstörbaren Sympathie für die eigentlichen Hauptpersonen des Kinos, die Regisseure. Ihnen vor allem wollte er seine Stimme leihen. Diese Stimme ist nun verstummt. Am vergangenen Samstag ist Peter W. Jansen im badischen Gernsbach gestorben, achtundsiebzig Jahre alt.

 

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa





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