Grizzly Man

(USA 2005) Regie & Buch: Werner Herzog, Musik: Richard Thompson, Kamera: Peter Zeitlinger, Schnitt: Joe Bini. Mit: Werner Herzog, Carol Dexter, Val Dexter, Franc G. Fallico, Willy Fulton, Amie Huguenard, Jewel Palovak, Timothy Treadwell u.a. Länge: 103 Minuten, Verleih: n.n., FSK: ab 12 Jahren.

Die Kamera war Timothys einzige ständige Begleiterin. Ihr zeigte er die Bären, ihr offenbarte er seine Sichtweisen, Wünsche, Überzeugungen und Ängste. Werner Herzog integriert weite Passagen von Treadwells Material und ergänzt es mit Aufnahmen der Originalschauplätze. Zudem befragt er die Personen, mit denen der „Bärenversteher“ Kontakt hatte: den Piloten, der ihn regelmäßig in den Katmai Nationalpark einflog, den Park Service, Tierschützer und Bärenforscher, die Eltern und Freunde, und zeichnet so ein tiefgründiges Psychogramm des „Grizzly Man“.

In Timothy Treadwell scheint Herzog ein reales Pendant zu seinen früheren Filmfiguren gefunden zu haben, das ihm den langjährigen Hauptdarsteller Klaus Kinski beinahe ebenbürtig ersetzt. Der Bärenfreund ähnelt Kinski nicht nur rein äußerlich mit seinen ins Gesicht fallenden blonden Haarfransen, die jeder seiner Gebärden wild baumelnd Nachdruck verleihen. Treadwell verkörpert auch jenes Grenzgängertum zwischen Zivilisation und Wildnis, zwischen Vision und Wahnsinn, das Herzog schon in Aguirre oder der Zorn Gottes (1971) oder Fitzcarraldo (1981) thematisierte. In letzterem spielt Kinski einen Ir(r)en, der ein Schiff über einen Berg tragen lässt, um sein einmal gestecktes Ziel zu erreichen: im peruanischen Urwald ein Opernhaus zu bauen. Fast scheint es, als habe Herzog erst die Aufnahmen Treadwells entdecken müssen, um nach Kinskis Tod 1991 und dessen Wiederbelebung aus der Konserve in der Hommage Mein liebster Feind (1999) überhaupt wieder einen „echten“ Herzog-Film alter Stärke schaffen zu können.

Treadwell ist einer von Herzogs Helden, er wird dazu in diesem Film. Er ist ein Mann mit einer Vision, er will sein Leben einsetzen, um seine Freunde, die Grizzlybären, zu schützen und einer der ihren zu werden. Der Gefahr dabei war sich Treadwell durchaus bewusst, vielleicht machte gerade sie den Reiz für ihn aus.

Werner Herzog hat mit den Aufnahmen des „Grizzly Man“ ein grandioses Material gefunden, das er auf einfühlsame und faszinierende Weise aufarbeitet. Der Film bietet atemberaubende Naturaufnahmen und lässt in der Auswahl der Videosequenzen und Kommentare aus dem Off den nur Herzog eigenen Irrwitz aufblitzen, den wir so lange vermisst haben: ein großer Film, der erstaunlicherweise trotz zahlreicher Kritikerpreise in Übersee im Heimatland seines Regisseurs bisher keinen Verleih gefunden hat.

Werner Herzogs Hang zu urwüchsiger Natur und Menschen, die aus ihrem Wahn eine ungeheure Energie schöpfen, ist kein Geheimnis. In seinen Filmen mit Klaus Kinski (z. B. Aguirre oder Fitzcarraldo) ging er an die Grenzen von Natur und Mensch, um sie sodann zu überschreiten. Diese Filme handelten von einer zugleich anmutigen wie grausamen Natur, in der sich stets eine getriebene Figur zu behaupten versuchte.

So lebte Timothy Treadwell 13 Sommer unter Grizzlybären, bis er im Jahre 2003 zusammen mit seiner Freundin Amy des Nachts von einem gefressen wurde. Treadwell gab sich dem Wahn hin, er müsse die Bären beschützen. Vor wem, das wusste er allerdings selbst nicht so genau. In Wahrheit war die idyllisch anmutende Landschaft des Katmai-Nationalparks in Alaska ein Refugium für den Zivilisationshasser Treadwell. Bei den Bären fand er ein Leben abseits der Menschen, das ihm bei der Suche nach sich selbst half und ihn gleichermaßen mit einem Lebenssinn erfüllte. Dieses Leben in der Wildnis wurde zu seiner Religion. Und wenn man seine Videotagebücher sieht, versteht man sofort, warum. Treadwell liebte die Bären mit jeder Faser seines Wesens.

Im zivilisatorischen Leben war Treadwell unzufrieden, bastelte an seiner Identität. Er änderte seinen Namen, legte sich einen australischen Akzent zu, hatte ein Alkoholproblem und litt an Depressionen. Doch auch in der Natur holten ihn seine Dämonen hin und wieder ein. So wird sein harmonisches Weltbild schnell erschüttert, wenn er mit der mitunter grausamen Realität der Natur konfrontiert wird. Beispielsweise wenn er einen toten Jungfuchs findet oder miterleben muss, wie die männlichen Bären ihre Kinder töten, damit die Weibchen schneller für den Fortpflanzungsakt zur Verfügung stehen. Während Treadwell diese Geschehnisse in seinem Videotagebuch weinerlich beschreibt, schaltet Herzog sich distanzierend ein und erläutert seine eigene, eher düstere Sicht auf die Welt: Der gemeinsame Nenner des Universums seien Chaos, Feindseligkeit und Mord.


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