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2026-10-03

Vortex deepdive

Vortex, der radikale und intime Spielfilm des französischen Regisseurs Gaspar Noé aus dem Jahr 2021, ist eines der eindringlichsten Meisterwerke des modernen Kinos über die Themen Tod und Trauer.

Noé, der sonst für Schockmomente und psychedelische Trips bekannt ist (Irréversible, Climax), wendet sich hier einer zutiefst menschlichen, fast dokumentarischen Tragödie zu: dem unaufhaltsamen Verfall des menschlichen Geistes und Körpers im Alter.

Hier ist, wie der Film das Kino nutzt, um Tod und Trauer greifbar zu machen:

Das geteilte Bild (Split-Screen) als visuelle Trennung

Der gesamte Film ist fast vollständig im Split-Screen-Verfahren gedreht. Links sehen wir die Ehefrau (gespielt von Françoise Lebrun), eine ehemalige Psychiaterin, die unaufhaltsam in die Demenz abgleitet. Rechts sehen wir den Ehemann (gespielt von der Horror-Ikone Dario Argento), einen herzkranken Filmkritiker, der an einem Buch über Kino und Träume schreibt.

  • Die Metapher: Obwohl das Paar seit Jahrzehnten zusammenlebt und sich im selben Raum befindet, trennt sie der schwarze Balken in der Mitte des Bildschirms permanent. Noé zeigt damit die grausame Isolation, die eine Demenzerkrankung mit sich bringt. Die Trauer beginnt hier lange vor dem physischen Tod – es ist das schmerzhafte Abschiednehmen von einem geliebten Menschen, der geistig bereits verschwindet.

Das Kino und der Traum

Der Ehemann im Film arbeitet an der Theorie, dass das Kino wie ein kollektiver Traum ist. Das verbindet Noé meisterhaft mit dem Thema Vergänglichkeit: Filme fangen das Leben ein, doch die Menschen darin altern und sterben. Das Kino wird in Vortex zu einem Archiv der Geister. Am Ende schließt sich der Kreis, wenn das reale Leben erlischt und nur die leeren Räume und die flimmernden Bilder der Vergangenheit zurückbleiben.

Die ungeschönte Realität von Tod und Trauer

Vortex verharmlost nichts. Der Film zeigt das Sterben nicht als romantisches oder plötzliches Drama, sondern als einen langsamen, bürokratischen und physischen Zerfall. Er zeigt die Überforderung des gemeinsamen Sohnes (Alex Lutz) und die unerbittliche Chronologie der letzten Tage. Wenn der Tod schließlich eintritt, hinterlässt er keine Erlösung, sondern eine drückende, staubige Leere. Die Trauer der Hinterbliebenen wird durch das radikale Räumen der elterlichen Wohnung symbolisiert – ein langes Leben schrumpft in wenigen Minuten auf ein paar Müllsäcke zusammen.

Vortex ist kein leicht verdaulicher Film, aber er zeigt das Kino in seiner ehrlichsten Form: als einen Spiegel unserer größten Urängste und als zutiefst empathischen Blick auf das Ende des Lebens.

 

Gaspar Noés persönliche Motivation

Gaspar Noé drehte Vortex aus einer Reihe von tiefgreifenden persönlichen Krisen und existenziellen Erfahrungen heraus. Der Film ist sein bisher verletzlichstes Werk, weil er fast eins zu eins seine eigenen Ängste und familiären Erlebnisse verarbeitet.

Die drei zentralen Säulen seiner Motivation waren:

1. Seine eigene Nahtoderfahrung (Hirnblutung)

Im Januar 2020 erlitt Gaspar Noé eine schwere Gehirnblutung (Schlaganfall), die er nur knapp überlebte. Die Ärzte gaben ihm eine Überlebenschance von gerade einmal 10 Prozent.

  • Die Auswirkung: Nach dieser Erfahrung war er monatelang ans Bett gefesselt und gezwungen, sich intensiv mit seiner eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Um sich geistig fit zu halten und das Erlebte zu verarbeiten, fing er an, das Drehbuch zu Vortex zu schreiben. Der Film war für ihn eine Form der Therapie.

2. Die Demenzerkrankung seiner Mutter

Noé musste aus nächster Nähe mitansehen, wie seine eigene Mutter an Demenz erkrankte und schließlich in seinen Armen starb.

  • Die Auswirkung: Die schmerzhafte Erfahrung, wie ein geliebter, hochintelligenter Mensch seine Sprache, seine Erinnerungen und schließlich seine Identität verliert, floss direkt in die Figur der Ehefrau ein. Noé sagte in Interviews, dass er das Gefühl der Ohnmacht und der „vorgezogenen Trauer“ – wenn der Mensch physisch noch da, aber geistig schon weg ist – so realistisch wie möglich abbilden wollte.

3. Der Verlust enger Freunde

Kurz vor und während der Entstehung des Films verstarben mehrere enge Freunde und Wegbegleiter Noés, darunter der Regisseur Philippe Nahon (der Hauptdarsteller aus Noés frühem Film Menschenfeind).

  • Die Auswirkung: Diese geballte Konfrontation mit dem Tod im Jahr 2020 führte dazu, dass Noé das Gefühl hatte, von „Geistern umgeben“ zu sein. Er wollte einen Film machen, der das Sterben nicht als Hollywood-Drama inszeniert, sondern als den natürlichen, oft einsamen und unglamourösen Prozess, den er im echten Leben beobachtet hatte.

Der Wandel des Regisseurs

Gaspar Noé war davor bekannt für Exzesse, Drogen, Gewalt und Techno-Rhythmen in seinen Filmen. Seine persönliche Motivation für Vortex war es auch, zu beweisen, dass man Angst und Schrecken erzeugen kann, ohne ein einziges Gramm Gewalt zu zeigen. Für Noé ist das Altern und das Verschwinden des Verstandes der wahre, universelle Horror, dem niemand von uns entkommen kann.

 


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